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Von Flash-Sets bis KI – wie sich die Motivwahl beim Tätowieren verändert hat

30. Sept.
7 Min. Lesezeit

Wenn ich heute darüber nachdenke, wie Menschen ihre Tattoo-Motive auswählen und welche Möglichkeiten wir als Tätowiererinnen und Tätowierer inzwischen haben, finde ich die Entwicklung unglaublich spannend.

Ich beschäftige mich seit meinem 13. Lebensjahr intensiv mit Tattoos. Schon sehr früh habe ich angefangen, mich mit Designs auseinanderzusetzen. Ich habe damals eigentlich alles aufgesogen, was ich zum Thema Tätowieren bekommen konnte.

Vor allem Tattoo-Zeitschriften und Bücher.

Ich hatte eine riesige Sammlung an Tattoo-Magazinen und habe wirklich jede Zeitschrift verschlungen, die ich irgendwie in die Finger bekommen konnte. Darüber habe ich sehr früh unglaublich viele verschiedene Motive und Stilrichtungen kennengelernt.

Das war damals unsere Bilderwelt.

Es gab noch kein Pinterest, kein Instagram und natürlich keine KI, bei der ich heute innerhalb weniger Minuten sagen kann: Zeig mir dieses Motiv einmal in drei unterschiedlichen Kompositionen.

Man musste sich die Bilder tatsächlich zusammensuchen.

Und auch die Art und Weise, wie Menschen damals zu einem Tattoo-Motiv kamen, war eine ganz andere.

Du bist ins Studio gekommen und hast die Mappe aufgemacht

Als ich angefangen habe, das Tätowieren zu lernen, waren Flash-Sets noch vollkommen normal.

In den Studios lagen Mappen mit Tattoo-Vorlagen und dicke Ordner mit Kopien von allen möglichen Motiven.

Du bist in ein Studio gekommen, hast dir eine Mappe genommen, hast sie aufgemacht und durchgeblättert. Und irgendwann hast du auf ein Motiv gezeigt und gesagt:

„Das möchte ich.“

Dann wurde die Vorlage herausgenommen und ein Abdruck gemacht.

Vielleicht wurden beim Abdruck noch zwei oder drei kleine Dinge verändert oder etwas dazugezeichnet. Vielleicht wurde das Motiv ein bisschen angepasst.

Aber dass für jeden Menschen grundsätzlich ein komplett neues Motiv entwickelt und von Grund auf neu gezeichnet wurde, war nicht selbstverständlich.

Das heißt nicht, dass es das nicht gab.

Natürlich gab es damals schon Tätowiererinnen und Tätowierer, die Custom Work gemacht haben und ihre Motive selbst entwickelt und gezeichnet haben.

Meine Meisterin, Miss Nico, hat zum Beispiel damals viele ihrer Motive selbst gezeichnet. Und ich kannte auch andere Tätowierer, die sehr individuell gearbeitet haben.

Wir reden hier von den 2000er-Jahren.

Es kam also sehr darauf an, in welches Studio man gegangen ist und bei wem man sich tätowieren ließ.

Aber im ganz normalen Studiobetrieb waren Flash-Sets einfach sehr verbreitet.

Ein Motiv musste nicht einmalig sein

Auch das ist aus heutiger Sicht interessant.

Eine Vorlage wurde nicht zwangsläufig nur einmal verwendet.

Wir sind damals viel auf Conventions herumgefahren. Man hat sich angeschaut, was andere Tätowierer gemacht haben, hat Vorlagen gesehen, Flash-Setz gekauft, kopiert, gesammelt und mitgenommen.


Ich habe Tätowierer erlebt, die dreimal in einer Woche das gleiche Tattoo gestochen haben.

Und die haben das sehr, sehr sauber gemacht.

Technisch einwandfrei.

Aber künstlerisch natürlich auch ziemlich eintönig. Das war trotzdem ein Teil der damaligen Tattoo-Welt.

Der Anspruch an ein Studio und auch an einen Tätowierer war teilweise einfach ein anderer.

„Du musst erst einmal alle Stile stechen können.“

Ich hatte das Glück, in einem alten Berliner Studio zu lernen, in dem noch ein sehr klassisches Verständnis vom Tätowierhandwerk vermittelt wurde.

Und da war eine der ersten Sachen:

Du musst alle Stile stechen können.

Denn Tätowieren war natürlich auch ein Business. Wenn Kundinnen oder Kunden ins Studio kamen, musste man sie bedienen können.

Da konnte man nicht bei jedem zweiten Motiv sagen: „Das ist nicht mein Stil.“

Wenn jemand ein bestimmtes Tattoo wollte, sollte man handwerklich in der Lage sein, es umzusetzen.

Und deshalb musste man sich mit unterschiedlichen Stilen beschäftigen und unterschiedliche Techniken lernen.

Das hat mich sehr geprägt.

Und wahrscheinlich ist das auch ein Grund dafür, warum ich bis heute gerne unterschiedliche Sachen mache.

Ich mag die Vielfalt. Ich mag es, auch mal zwischen verschiedenen Stilen zu wandern und nicht immer das Gleiche zu tätowieren.

Natürlich entwickelt man mit den Jahren seine Vorlieben und eine eigene Handschrift. Aber ich empfinde es bis heute als etwas sehr Wertvolles, flexibel arbeiten zu können.

Dann kam das Internet

Irgendwann wurde das Internet immer größer und damit veränderte sich natürlich auch die Motivsuche.

Plötzlich waren viel mehr Bilder verfügbar.

Man war nicht mehr darauf angewiesen, welche Flash-Sets im Studio lagen oder welche Tattoo-Zeitschriften man gerade kaufen konnte.

Und dann kam irgendwann die große Pinterest-Zeit.

Auf einmal kamen Kundinnen und Kunden mit ganzen Sammlungen von Bildern.

Hier gefällt mir die Blume.

Da gefällt mir die Schrift.

So ungefähr soll die Anordnung sein.

Dieses Tattoo gefällt mir, aber bitte mit einem anderen Element.

Im Grunde war Pinterest für mich eine riesige Erweiterung der alten Flash-Sets.

Das Prinzip war gar nicht so vollkommen anders.

Früher hast du eine Mappe im Tattoo-Studio aufgeschlagen und dir Bilder angesehen.

Jetzt hast du Pinterest geöffnet und dir Bilder angesehen.

Nur war die Auswahl plötzlich nahezu unendlich.

Und gleichzeitig wurde Tätowieren immer vielfältiger

Was ich über die Jahre besonders spannend fand, war zu beobachten, wie sich die verschiedenen Stilrichtungen entwickelt haben.

Gerade in den 2010er-Jahren wurde das immer deutlicher.

Plötzlich kamen neue Einflüsse dazu oder ältere Techniken wurden vollkommen neu interpretiert.

Dotwork wurde immer größer.

Ornamente und Mandalas erlebten einen enormen Aufschwung.

Tribals, die es natürlich schon lange gab, wurden neu entwickelt und anders interpretiert , (zb. Black Work) .

Es kamen ganz andere grafische Arbeiten dazu.

Stile wurden miteinander verbunden.

Und insgesamt wurde die Tattoo-Welt immer vielfältiger, bunter und künstlerischer.

Das fand ich unglaublich spannend.

Denn damit veränderte sich natürlich auch das, was Menschen sich überhaupt vorstellen konnten.

Je mehr unterschiedliche Arbeiten sichtbar wurden, desto mehr Möglichkeiten entstanden.

Gleichzeitig haben sich Tätowierer immer stärker spezialisiert. Auch das Berufsbild hat sich verändert.

Natürlich gibt es heute immer noch viele Allrounder.

Aber gleichzeitig gibt es sehr viele Tätowiererinnen und Tätowierer, die sich auf zwei oder drei Stilrichtungen spezialisiert haben – manchmal sogar nur auf eine.

Und dann wird eben genau das gestochen.

Das hat natürlich auch Vorteile.

Wenn jemand einen ganz bestimmten Stil sucht, kann er heute gezielt zu jemandem gehen, der genau darin unglaublich viel Erfahrung hat.

Ich persönlich arbeite trotzdem gerne vielfältig.

Ich finde es schön, nicht vollkommen auf einen Stil festgelegt zu sein.

Ich mag es, unterschiedliche Techniken miteinander verbinden zu können und je nach Mensch und Motiv zu schauen, was eigentlich passt.

Und heute kommt KI dazu, wir erleben gerade den nächsten großen Schritt.

Heute haben wir nicht nur Tattoo-Magazine, Bücher, Pinterest, Instagram und Millionen Bilder im Internet.

Wir haben KI.

Wir können Bilder generieren lassen.

Wir können eine Idee nehmen und innerhalb kürzester Zeit in unterschiedliche Richtungen entwickeln.

Wir können sagen:

Mach die Blume länglicher.

Mach das Motiv luftiger.

Zeig mir drei verschiedene Varianten.

Verbinde diese Stilrichtung mit jener.

Nimm dieses Element heraus.

Setze ein anderes hinein.

Und plötzlich entstehen Möglichkeiten, für die man früher sehr viel länger gebraucht hätte – oder auf die man vielleicht überhaupt nicht gekommen wäre.

Für mich ist KI dabei ein Werkzeug.

Genau wie andere Werkzeuge, die im Laufe der Zeit dazugekommen sind.

Aber natürlich verändert dieses Werkzeug erneut die Art und Weise, wie wir Motive entwickeln.

Und es verändert auch den Anspruch an uns Tätowiererinnen und Tätowierer.

Denn ein schönes Bild zu erzeugen ist das eine.

Zu erkennen, ob dieses Bild als Tattoo funktioniert, ist etwas völlig anderes.

Ein Tattoo muss auf einen Körper passen.

Es muss sich mit diesem Körper bewegen.

Linien müssen funktionieren. Größenverhältnisse müssen stimmen. Details müssen auf Haut umsetzbar sein. Man muss wissen, was davon nach Jahren noch funktioniert und was nicht.

Und genau dafür braucht es Erfahrung.

Die Motivwahl heute ist eine vollkommen andere wie damals.

Wenn ich das alles zusammennehme, finde ich es faszinierend, wie weit wir gekommen sind.

Von einer Mappe im Tattoo-Studio, aus der man sich eine Vorlage ausgesucht hat, über Tattoo-Zeitschriften und Bücher, Conventions und kopierte Flash-Sets, später das Internet und Pinterest – bis zu einer Zeit, in der wir mithilfe von KI Bilder erschaffen können, die vorher überhaupt nicht existiert haben.

Für Kundinnen und Kunden bedeutet das natürlich eine unglaubliche Freiheit.

Die Motivwahl ist heute eine ganz andere als damals.

Aber vielleicht macht gerade diese riesige Auswahl die Entscheidung manchmal auch schwieriger.

Denn wenn ich theoretisch alles haben kann:

Was möchte ich eigentlich wirklich?

Und an diesem Punkt wird es für mich auch im ganzheitlichen Tätowieren interessant.

Was hat dieses Motiv mit dir zu tun?

Bei der ganzheitlichen Motivwahl geht es für mich nicht darum, dass jedes Tattoo unbedingt eine tiefgründige, spirituelle Bedeutung haben muss.

Überhaupt nicht.

Ein Tattoo darf auch einfach schön sein.

Aber ich finde es spannend, gemeinsam herauszufinden, was einen Menschen wirklich anspricht.

Warum bleibt dein Blick immer wieder an bestimmten Formen hängen?

Welche Art von Linien gefällt dir?

Magst du etwas Florales, etwas Grafisches, etwas Organisches?

Soll sich das Tattoo an deinen Körper anschmiegen und seiner Form folgen?

Oder soll es ganz bewusst wie ein klares Zeichen auf der Haut stehen?

Gibt es ein Symbol, ein Tier, eine Pflanze oder eine Form, die für dich eine persönliche Bedeutung hat?

Oder gibt es vielleicht gar kein konkretes Motiv, sondern zunächst nur ein Gefühl, das sichtbar werden soll?

Manchmal kommen Menschen mit einem ganz klaren Bild.

Manchmal kommen sie mit zehn Bildern.

Und manchmal kommen sie und sagen:

„Ich weiß eigentlich noch gar nicht genau, was ich möchte.“

Auch das ist ein Anfang.

Dann kann man gemeinsam schauen.

Von der Vorlage zum eigenen Motiv

Vielleicht ist das für mich eine der schönsten Entwicklungen im Tätowieren.

Wir haben heute unglaublich viele Möglichkeiten.

Wir können auf eine riesige Geschichte des Tätowierens und auf unzählige Stilrichtungen zurückgreifen. Wir haben Bücher, Archive und Bilder aus aller Welt. Wir können digital zeichnen. Wir können fotografieren, collagieren und Dinge miteinander verbinden. Und inzwischen können wir auch KI nutzen, um Ideen sichtbar zu machen und weiterzuentwickeln.

Aber all diese Möglichkeiten ersetzen für mich nicht die eigentliche Arbeit.

Nämlich herauszufinden:

Was soll am Ende auf genau diesem Menschen entstehen?

Denn das Tattoo wird nicht auf Pinterest bleiben.

Es bleibt auch nicht auf dem Bildschirm.

Es wird auf der Haut getragen.

Und genau deshalb finde ich die Motivwahl heute vielleicht spannender als je zuvor.

Wir haben uns von einer Zeit, in der die Auswahl begrenzt war, in eine Zeit bewegt, in der nahezu alles möglich geworden ist.

Und vielleicht geht es gerade deshalb heute weniger darum, überhaupt ein Motiv zu finden.

Sondern darum, aus all diesen Möglichkeiten das eigene zu finden.

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